Beim Erwerb der eigenen Muttersprache brauchen wir keine abstrakten Konzepte wie Subjekt, Objekt und Prädikat. Wir werden von der Sprache unbewusst geprägt, sodass wir verschiedene grammatische Strukturen anwenden können, ohne sie analysieren zu müssen. Dieser grundlegende Unterschied zwischen Erwerb und Lernen ist in der Sprachdidaktik ausführlich beschrieben worden. In einem Beitrag des Goethe-Instituts (Ohm, 2015) wird erläutert, wo die Grenzen des Erwerbs liegen, wo das Lernen beginnt, und wie beide Prozesse ineinandergreifen können.
Das Lernen einer Fremdsprache ist jedoch ein anderer Weg. Wir sind bereits von unserer Muttersprache geprägt – in unserer Logik, in der Satzstellung und im Wortschatz. Wir lernen eine neue Sprache nicht unabhängig von der bereits erworbenen, sondern immer im Verhältnis zu ihr. Damit wir uns in den verschiedenen Sprachen orientieren können, brauchen wir nach und nach Begriffe. Sie helfen uns, Formulierungen richtig zu erfassen und die Logik der Muttersprache nicht unbewusst auf die Fremdsprache zu übertragen. Dies ist eine komplexe Aufgabe, besonders wenn die Denkweisen der Sprachen einander fremd sind, weil sie unterschiedlichen Sprachfamilien angehören.
Die Grundbegriffe der Grammatik brauchen wir, um die Denkwege, die wir in den gesprochenen oder zu lernenden Sprachen begehen, klar zu halten und unsere Sprachkenntnisse weiterzuentwickeln – auch dann, wenn wir bereits Muttersprachler einer Sprache sind.
Die Grammatik umfasst zahlreiche Begriffe, von denen wir im Sprachunterricht nicht alle gleichzeitig anwenden müssen. Die folgenden sind jedoch grundlegend. Wir müssen sie vor den Satzteilen kennen, um über diese sprechen zu können. Wir brauchen sie nicht nur für die Struktur des Satzes, sondern auch für die Bildung und Ableitung von Ausdrücken. (Die folgenden Begriffsbestimmungen sind dem Duden entnommen und durch eigene Anmerkungen und Beispiele ergänzt.)
der Artikel – Wortart mit identifizierender, individualisierender oder generalisierender Funktion vor einem Substantiv; im Ungarischen kann er bestimmt sein (die Sprache – „a nyelv“), unbestimmt (eine Sprache – „egy nyelv“) oder fehlen (Sprache – „nyelv“).
der Stamm – zentraler Teil eines Wortes, an den andere Bestandteile wie Präfixe, Suffixe oder Flexionsendungen angehängt werden. Beim Verb „beszélni“ (sprechen) ist „beszél“ der Stamm, an den Personenendungen angefügt werden („beszélek“ – ich spreche).
das Präfix – vor den Wortstamm gesetzte Vorsilbe. Im Ungarischen können wir das Präfix „meg-“ vor den Stamm „beszél“ setzen, um den Sinn zu verändern: „megbeszélni“ (besprechen).
das Suffix – an den Wortstamm angehängte Nachsilbe oder Endung. Zum Beispiel die Personenendung „-ek“ im Verb „beszélek“.
das Substantiv – Wort, das ein Ding, ein Lebewesen, einen Begriff oder einen Sachverhalt bezeichnet, z. B. „die Sprache“ („a nyelv“).
das Adjektiv – Wort, das eine Eigenschaft oder ein Merkmal bezeichnet, z. B. „schön“ („szép“).
das Verb – konjugierbares Wort, das eine Tätigkeit, einen Vorgang oder einen Zustand bezeichnet, z. B. „lernen“ („tanulni“).
Anhand der Beispiele ist es auch offensichtlich, dass wir diese Wortarten im tagtäglichen Leben kennen, ihrer aber nicht bewusst sind.
Diese oben angegebenen Wortarten bilden die Grundlage der Satzstruktur. Aus ihnen ergeben sich die Satzteile, deren Funktion wir nun betrachten.
Weder die Grammatik noch ihre Begriffe sind willkürlich. Sie sind das Skelett der Sprache. Sie geben unseren Denkwegen Halt und Orientierung.
Meiner Erfahrung nach haben diejenigen, die diese Begriffe nicht kennen oder nicht lernen wollen, große Schwierigkeiten mit der Wortstellung, mit der Unterscheidung zwischen Deklination und Konjugation oder mit der Anwendung von Kasus. Ihnen fehlt die Perspektive, die Struktur der Sprache zu erkennen. Die Lernenden aber, die diese Konzepte gut anwenden können, finden ihren eigenen Lernrhythmus, haben ihre eigenen Denkwege und stellen wichtige Fragen, die ihre Entwicklung weiter fördern.
Auf der anderen Seite sind diese Begriffe allein nicht ausreichend. Sprachenlernen braucht auch Wortschatz, feste Wendungen und Übung. Die Grundbegriffe gewährleisten das Lernen nicht selbst, aber sie sind eine seiner notwendigen Bedingungen.
Wenn wir diese Begriffe bewusst anwenden, entsteht ein Orientierungsraum, der es uns erlaubt, die Sprache zu verstehen und uns in ihr mit Absicht zu bewegen. Das Wichtigste ist, uns genau zu überlegen, was wir sagen möchten – und wie die grammatischen Strukturen es uns ermöglichen, dies auszudrücken.
Dudenredaktion (2023): Duden: Die Grammatik. Berlin: Dudenverlag. Online verfügbar unter https://www.duden.de
Ohm, Udo. “Wie wird Deutsch gelernt? Sprachlernen als Prozess: Sprache lernen und erwerben.” Goethe-Institut e. V., Redaktion Magazin Sprache, März 2015. Online verfügbar unter Sprache lernen und erwerben – Deutschstunde Portal – Goethe-Institut. Abgerufen am 15. Februar 2026.
Wenn Sie sich auch dafür interessieren, warum Grammatik wichtig ist, lesen Sie meinen Beitrag dazu.
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